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Auricher Wissenschaftstage –
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Artikel der Ostfriesischen Nachrichten vom 4. März 2019, S. 4 [1]

Führen als Dienst am Geführten

Auricher Wissenschaftstage: Für Experten ist es Zeit, sich von konventionellen Ansichten zu verabschieden

Von Helmut Vortanz

Foto von Dr. Hans Rudi Fischer während seines Vortrags bei den 29. Auricher Wissenschaftstagen, 27 k

Dr. Hans Rudi Fischer visuali­sierte seine abstrakten Aussa­gen anhand von Modellen. (Fo­to: Vortanz)

Aurich. In einem sind sich die Führungsetagen von Firmen aller Größenordnungen einig: Sie brauchen hoch motivierte Mitarbeiter und ein positives Betriebsklima, um ihre Unternehmensziele zu erreichen. Den Weg dorthin zeigte im Rahmen der Auricher Wissenschaftstage der Philosoph, Psychologe und Coach Dr. Hans Rudi Fischer auf. Er ist Leiter des Zentrums für systemische Forschung und Beratung in Heidelberg und sprach am Freitagabend vor rund 100 interessierten Zuhörern im Auricher Güterschuppen zum Thema „Dienende Führung: Von der Gier zum Wir.“

Die Frage nach dem richtigen Führungsstil zur Motivation der Mitarbeiter ist beinahe so alt wie die Menschheit selbst. Begründet auf die moderne Sozialpsychologie von Kurt Lewin (1890 bis 1947) entwickelten sich drei klassische Führungsstile. Der autoritäre, der kooperative und der Laissez-faire-Führungsstil. Vereinfacht dargestellt durch die Merkmale von „Vorgesetzter entscheidet – Mitarbeiter führen aus“ über „Einbeziehung der Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse durch Delegation“ bis „Mitarbeiter haben volle Freiheit bei Entscheidungen“.

Basierend auf diesen Erkenntnissen entwickelten in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Personal- und Organisationsberater immer neue Variationen, ohne das Rad dabei neu erfunden zu haben. Für den Referenten ist es Zeit, sich von der konventionellen Betrachtungsweise zu verabschieden. „Wir brauchen ein neues Führungsverständnis. Ein systemisches Verständnis von Führung schafft die Voraussetzung für anderes Denken und Handeln in Situationen, in denen Führung (von Menschen und Organisationen) gefragt ist“, ist eine These von Fischer. Seine Definition: „Führung versucht im Rahmen einer asymmetrisch definierten sozialen Beziehung, andere Menschen so zu beeinflussen, dass vorgegebene oder vereinbarte Ziele innerhalb der Organisation erreicht werden.“

Die dienende Führung (Servant Leadership) ist ein etablierter Ansatz in der Führungsforschung, begründet durch den Amerikaner Robert Greenleaf. Sie beschreibt das Wirken von Führenden als Dienst am Geführten, mithin als dienendes Führen im Gegensatz zum beherrschenden Führen.

„Der Servant Leader wird daran gemessen, ob er die Menschen, denen er dient, in ihren Persönlichkeiten wachsen lässt, und ob sie freier, autonomer und gesünder werden“, so Fischer. So hat beispielsweise auch Bundeskanzlerin Angela Merkel am 14. Februar 2018 gesagt: „Das ist die Aufgabe von Politik: zu dienen und nicht rum zu mosern.“

Für den Gastredner geht die gesamte Führungsphilosophie und -psychologie auf die alten griechischen Philosophen zurück. Schon bei Sokrates und Platon lassen sich Ansätze finden, die bis heute aktueller denn je sind. So steht die Frage der Selbsterkenntnis und der Selbstführung am Anfang jedes Führungsverhaltens. Die Selbstführung funktioniert wie die Führung von anderen. Führen ist ein dialektischer Prozess, bei dem der Führende auch vom Geführten geführt wird. „Erfolg ist nur gemeinsam möglich. Führen wird zum Dienen und umgekehrt.“ Bei dem von ihm mitentwickelten Heidelberger Modell ist die dienende Führung durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet: Gemeinsinn, Mut, Verantwortung, Bescheidenheit und Versöhnlichkeit spielen dabei eine tragende Rolle.

Vor dem Hauptvortrag von Dr. Hans Rudi Fischer präsentierten die beiden Stipendiatinnen der Auricher Berufsbildenden Schulen II, Cindy Gerdes und Sandra König, Eindrücke von ihrem Praktikum am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin. Sie hatten dort Gelegenheit, in den Abteilungen Forschung und Entwicklung sowie Mikroskopie und Cryo-Elektronenmikroskopie mitzuarbeiten. Für beide hat sich dabei ihre Studienwahl weiter gefestigt.

Anmerkung

[1]

Eine E-Paper-Version des Artikels ist ebenfalls verfügbar.

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